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John Lewis Jensen utopische Blankwaffen
Der Amerikaner John Lewis Jensen, der aus Kalifornien stammt und in Rhode Island lebt, gestaltet unter dem Markennamen »Magnus Design Studio« im Alleingang höchst ungewöhnliche Dolche, Schwerter und andere Blankwaffen, Gebilde wie aus fernen Galaxien.
Auf John Lewis Jensen und seine fremdartig-schönen Messergebilde stießen wir erstmals am S.I.C.A.C. in Paris, an dem er schon mehrmals teilgenommen hat und an dem er auch dieses Jahr vertreten ist. Die wenigen Stücke, die er auf dem Tisch hatte, waren ungewöhnlich, kühn und apart, ihre Verarbbeitung tadellos. Wir kamen bald darauf, dass Jensen unter anderem eine Ausbildung als Schmuckgestalter hinter sich hatte.
Jensen wuchs in Los Angeles, Kalifornien, auf und besuchte dort die Schulen. Während der High School arbeitete er als Fotograf, und er fand, das wäre doch ein passender Beruf und bewarb sich zur Weiterbildung bei der nächsten dafür eingerichteten Universität, auf die er stieß, wurde dort angenommen und machte sich auf nach Georgia...
Bereits im ersten Semester entdeckte er in einem obligatorischen Kurs für dreidimensionales Design seine Leidenschaft für die Plastik. Er gab sein zweidimensionales Hauptfach - die Fotographie - auf und schrieb sich in jedem 3D-Kurs ein, den es gab, als Erstes in Skulptur und Schmuckgestaltung. Zu seinem Kummer bot seine Universität keinen Abschluss in dreidimensionalen (plastischen) Künsten an, aber John Lewis besuchte sämtliche ihm zugänglichen Kurse auf diesem Gebiet, bis es nach zweieinhalb Jahren nichts mehr für ihm zu lernen gab.
Nun galt es eine andere Kunsthochschule zu finden, wo ein Abschluss möglich war, der ihm besser entsprach. Er fand die beste im ganzen Land, die Rhode Island School of Design, Jensen war fest entschlossen, dort hineinzukommen, koste es, was es wolle, packle seine Sachen, mietete einen Transporter und fuhr auf der Interstate I-95 aus dem tiefen Süden hinauf nach Neuengland, fand eine Wohnung und bewarb sich gleich um Aufnahme in die RISD. Während der einjährigen Anmeide - ind Wartezeit besuchte er weiterhim Kurse und übernahm alle Arbeiten, die sich ihm boten, bis er endlich in die Abteilung für Skulptur der RISD aufgenommen wurde. Allerdings wechseite er dann noch vor dem offiziellen Semesterbeginn in die Schmuckde-signabteilung, weil er sich dachte, er werde von diesem praktischen technischen Fach mehr profitieren als von dem eher abstrakten Gebiet der Skulptur. Und er hatte ja bereits einen Vorsprung mit seiner mehrjährigen Ausbildung in Georgia. Er war aber, was den Schmuck betraf, mehr an der Ästhetik und den technischen Verfahren interessiert als an der Brauchbarkeit. Gewiss wollte er die Juweliertechniken erlernen, aber die Objekte, die er in seinen Anfängen herstellte, waren nicht sehr tragbar - sie hatten seltsame Formate, skurrile Formen, waren schwer und unbequem.
In den Sommerferien machte er jeweils eine Schmuck-Pause und arbietete zur Erholung an Skulpturen, etwas, was er heute noch manchmal nötig hat (jetzt allerdings jeweils nach den großen Messerbörsen). Es war während eines solchen Sommers - er unterrichtete an einer Kunstschule in der Bretagne Schweißtechnik - als ihm klar wurde, dass seine Arbeiten eigentlich waffenähnlich waren. Dies war ihm nicht bewusst gewesen, bis man ihm darauf aufmerksam machte. Er arbeitete an einem abstrakten Objekt aus einem Fundstück, das seine Gefährten als Schwert bezeichneten. Das war für ihn eine Offenbarung, er hatte sich erfolglos mit verwandten Objekten herumgeschlagen, nun gung ihm endlich auf, dass seine Werke sowohl dem Aussehen wie dem Sinn nach eigentlich Messern glichen. Er hatte ja die nötige Ausbildung und die Fähigkeit, richtige Messer herzustellen, und nach seiner Rückkehr in die Staaten wollte er sich eingehender mit einem ehemaligen Schüler der RISD in Verbindung, der in der Gegend wohnte, es war der Messermacher George Dailey. Eigentlich wollte er nur seine Neugier befriedigen und sich informieren, aber die beiden verstanden sich glänzend, und im Handumdrehen brachte ihm George den Hohlschliff bei. Nun hatte es ihn gepackt, George und er sind seither eng befreundet, und von nun an tat Jensen praktisch nichts anderes mehr als Messer zu entwerfen und zu bauen. Als Nächstes musste er irgenqie seine Fakultät davon überzeugen, dass er sich dem Messermachen widmen sollte statt der Schmuckgestaltung. Erstaunlicherweise fanden seine Lahrer den Wechsel sinnvoll.
Nach sechjährigen Studien und Reisen promovierte er an der Rhode Island School of Design in Schmuckgestaltung und Metallbearbeitung. Das war 1996. Bis dahin hatte er schon an zahlreichen Skulptur - und Schmuckausstellingen in den USA und im Ausland teilgenommen, er hatte Messer, Skulpturen und Schmuck ausgestellt und verkauft. Erst nach seiner Promovierung hatte er genügend Zeit, um sich vollumfänglich dem Messermachen zu widmen, Messerbörsen zu besuchen und sich in der Welt der Custom-Messermacher einen Namen zu schaffen.
Als Messermacher strebt er danach, die besten Stücke herzustellen, die er nur kann, und phantasieyolle Designs zu schaffen, die unverkennbar seine Handschrift tragen. Mit jedem neuen Messer versucht er noch etwas über such hinaus zu wachsen. Das gelingt ihm, weil er ständig zeichnet und nachdenkt. In der Planung ist er seiner konkreten Arbeit immer um acht bis zwölf Messer voraus. An seinen Messern arbeitet er zwischen 20 und 50 Stunden pro Woche, und dazu ist er rund weitere 10 Stunden in der Woche mit Zeichnungen und Design beschäftigt. (Wir haben ihn gefrat, ob er denn vom Messermachen leben könne? Nein, sagte er, er sei auch noch als Anlageberater tätig...)
John Lewis Jensens Hauptschweirigkeit beim Messermachen ist es, sich auf das eine Messer zu konzentrieren, an dem er gerade arbeitet. Deise Kunst fasziniert ihm dermaßen, dass er am liebsten all seine Designs und Ideen gleichzeitig verwirklichen möchte. Zum Glück habe er (manchmal) genügend Selbstdisziplin, um das Messer, das er in Arbeit habe, fertig zu stellen, bevor er zum nächten übergehe, meint er. Es ist Jensens größtes Anliegen als Messermacher, dass seine Kunstmesser von seinen Kunsthandwerker-Kollegen akzeptiert werden, und ebenso von den Medien, und zwar als anerkannte künstlerische Artefakte, und nicht, wie allgemein üblich, nur als gefährliche Waffen. Eine Klinge hat nämlich zwei Seiten, genau wie jede Geschichte, sagt Jensen; und diese Botschaft versucht er zu vermittein; er will eine allgemeine Bewusstseinserweiterung herbeiführen, so dass die Messer als ebenso respektable Objekte anerkannt werden wie andere Kunstwerke, ganz abgesehen davon, dass sie zu den wichtigsten und ältesten Werkzeugen der Menschheit gehören. In den letzten Jahren war Jensens Leben fast ganz vom Messermachen ausgefüllt, und dies ließ ihm kaum noch Zeit, irgendetwas anderes zu gestalten. Nur ab und zu arbeitete er ein wenig an einer Skulptur, und solche Skulpturen - auch Schwertskulpturen - will er damnächst in die Galerien bringen. Seine Custom-Messer stellen, wie er sagt, die gezähmte Schönheit dar, während die Schwertskulpturen eher die ungezähmte Gewalt ausdrücken. Schönheit und Gewlat sind für Jensen die zwei Seiten des Messers.
Bereits anfangs 1996 hatte sich Jensen vorgenommen, einmal Kruzifixe oder olgatha-Kreuze zu bauen, aber er wusste nicht recht, in weichem Stil und aus welchem Material er sie herstellen sollte. Doch dann kam er urplötzlich drauf, nachdem er dauernd über die riesigen Haufen von Altmetall in seiner Werkstatt gestolpert war, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Er ließ alles stehen und liegen, was er in Arbeit hatte, und beschloss, nun mal das ganze Altmetall zusammenzuschweißen und etwas Brauchbares daraus zu machen. Am Ende hatte er seine Abfallhaufen abgetragen und etwas Bachtliches zustandegebracht: drei große Golgathakreuze in einer Gruppe (die übrigens - aus der Distanz betrachtet - eine ungeheure, mythische Wirkung ausüben): jedes etwa 160 bis 320 kg schwer, alle über er wieder Platz in seinem Atelier.
Jensen verwendet also für seine Plastiken Abfalleisen und stellt daraus etwas Neues her. Er sagt, er versuche auf alle Arten aus zwei Themenbereichen etwas Positives herauszuholen: Krieg und Religion, die beide seit jeher durch die Gesellschaft emotional belastet seien. Er erreiche dies durch Verzierung, Abstraktion und die bewusst umweltfreundliche Abfallverwertung. Man sieht, Jensen ist kein gewöhnlicher Messermacher, er ist ein Künstler, und nicht nur seine Skulpturen, auch seine Messer - die er an den Messerbörsen ausstellt - sind durchwegs Kunstobjekte. Er nimmt auch Kundenaufträge entgegen, aber wenn jemand ein Stück von ihm will, das er schon einmal gemacht hat, dann bekommt er höchstens eine bessere und weiter entwickelte Variante dieses Stücks, niemals eine Kopie. Das gibt dem Sammler stets die Gewissheit, ein echtes Einzelstück von ihm zu haben - und bewahrt den Schøopfer außerdem davor, in den immer gleichen Trott zu verfallen. Weil sich sein Design und seine Techniken immer weiterentwickeln, liegen seine Preise nur selten unter US$1000, - und meist über 2000, -.
Bei seiner gegenwärtigen Warteliste hat er Lieferfristen von etwa einem Jahr. Natürlich hat er auch machmal ein Stück am Lager, das er z. B. für eine Messerausstellung angefertigt hat, oder es ist ein fast fertiges Messerobjekt vorhanden, das spontan entstanden ist. Interessenten können sich jederzeit bei ihm erkundigen, was gerade erhältlich wäre; Jensen gibt auch gerne auf andere Fragen Auskunft. Auf jjeden Fall stellt er nur folgende Typen von kunstvollen Blankwaffen her: Shwerter, Äxte, Dolche, Krieghämmer, Sichein, Streitkolben, Stiefelmesser, Kampfmesser und Klappmesser (die Herstellung von Klappmessern hat ihm Ralph Selvidio aus Rhode Island beigebracht). Jensens Preise sind vom Design, dem verwendeten Material und dem Arbeitsaufwand abhängig.
John Lewis Jensen war im Juni an der Blade Show in Atlanta, im Juli an der Knifemakers Guild Show in New Orleans. Am 30. Sept. und 1. Oktober wird er am S.I.C.A.C. in Paris (im Hotel Nikko, Quai de Grenelle) seine exklusiven Werke ausstellen.
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