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Mit dem Dolch zum Traualtar
Der Amerikaner John Lewis Jensen will sich mit seinen Messern in der Kunstarena behaupten - HEPHAISTOS - Redakteurin Christiane Ptsch-Ritter stellt ihn vor
Wer eih bisschen aufscheiden will mit dem, was Kanner sofort als Jensen-Messer erkennen, muss sich vor allem in Geduld üben, in der Regel ein bis anderthalb Jahre. Im Moment dauert die Wartefrist fr ein Unikat aus dem Magnus Design Studio in Pasadena sogar noch ein halbes Jahr länger. Denn der Meister arbeitet bis zum Sommer fast ausschließlich in ureigenster Sache, nämlich an zwei Hochzeitsdolchen. Dies nicht, wie man fürchten könnte, im Hinblick auf eine extreme Spielart im Scheidungsfall, sondern im Gegenteil: Die symmetrisch sich ergänzenden Objekte sind Beweise der Liebe des Paares zueinander sowie auch zur Kunst.
Kunstmesser, art-knives, nennt John Lewis Jensen auch die edlen Auftragsarbeiten, deren Kreation kein ganz so intimer Vorgang ist, die aber nichtsdestotrotz jedes für sich ein Stck persönliche Entwicklungsgeschichte bergen. Wenn er nicht mit jedem Messer wächst, sagt er, ist er nicht zufrieden. Jedes neue Exemplar schenkt ihm einen Zugewinn an technischer Fertigkeit und Kenntnis des Materials. Bei der Arbeit lässt er sich »von kreativen Strömen leiten«. Ein strenges Zeitlimit setzt er sich nie, aber rechtzeitig fertig wird er immer, acht bis zwölf Mal im Jahr. Davor gibt es jedesmal einen Punkt - und zwar genau dann, wenn das Design in Abstimmung mit dem Kunden zu Papier gebracht ist und der technische Schaffenprozess beginnt - da erwartet er eine Anzahlung auf das vereinbarte Material. Seine Preise bewegen sich von 3500 Dollar an aufwärts. Mitunter ruft ein Sammler ganz aufgeregt an, noct Wochen, nachdem er sein Messer abgeholt hat, weil ihm daran etwas aufgefallen ist, das er so noch nie gesehen hat. So etwas liebt John Jensen. Das hängt mit seinem Ehrgeiz zusammen, jedes Stück immer noch ausgefeilter und differenzeirter zu gestalten als das vorherige, aber nicht nur. Denn sein Weg zur Liaison mit dem Messer als solchem war ein komplizierter, und er führte durchs psychologische und mythologische Dickicht. Auch das hinterlässt Spuren. Der Reiz des Messers, das weiß John Jensen jetzt, besteht darin, dass man sich von ihm gleichermaßen angezogen und abgestoßen fühlt. Wennn es ihm gelingt, die Spannung zwischen Agression und Gewalt einerseits und Schönheit und Harmonie andererseits durch seine Arbeit sichtbar und spürbar zu machen, dann hat er erreicht, was er will: Seine Messer leben. Das merken auch Menschen, die heir sonst eher zu neggativen Assoziationen neigen. Den gleichen Effekt wie bei der Kreation seiner Messer gibt es ja auch in der Natur: die Auflösung zweier gegensätzlicher Entwürfe in einem einzigen Objekt. Die Natur, sagt John Jensen, ist der feinste, komplexeste, innovativste und radikalste Designer, den er sich vorstellen kann. Da gibt es eine faszineirende Fülle von Ideen, man muss sich nur bedienen.
Betorënd findet er auch das Kaleidoskop von Mustern, das die Damaszenerkollegen zustande bringen. Er hat unter Anleitung von Gary House selber Hand angelegt, mit äußerst erfruelichen Ergebnissen, aber er ist auch zu der Erkenntnis gekommen, dass es zu seinem Nutzen ist, auf der breiten Palette draußen nach dem perfektem Stahl zu suchen. Jeder Damastschmied hat eine persönliche Ästhetik, was sein Jansen-Design aber nicht beschränkt, sondern bereichert, denn ein guter Damast »ehrt jedes Messer«.
Es gab eine Zeit, da widmete sich John Jensen an der renommierten Rhode Island School of Design (RISD) der Kreation von Schmuck. Er hat dort eine gründliche technische Ausbildung genossen und auch sein Formgefühl verfeinert, aber etwas Tragbares kam bei seinen Bemühungen nicht heraus: »Rückblickend denke ich, dass ich mich konsequent auf die Messerform zubewegte.« Ein einschlägiges Schlüsselerlebnis hatte er schon als Gründschüler, als er aus einem Schweineknochen etwas Messerartiges schnitzte, was die Lehrerin aber nicht zu schätzen wusste, weshalb es erstmal nicht zum Tragen kam. Bis 1995 bei einem Schweißkurs in der Bretagne, da entdeckte ein Freund in einer seiner abstrakten Arbeiten die Form eines Schwertes. Jensen ist sicher, es brauchte diesen Ort, den Atem der keltischen Geschichte, um seine eigentliche Bestimmung offenbar werden zu lassen. Zurück in den USA ließ er sich von seinem ehemaligen Kommilitonen George Dailey in das Messermachen einweisen. Eine »echte Schinderei«, aber er hatte sich entschieden. In der Rhode Island School of Design wechselte er das Fach. Seit 1996 is er Bachellor of Fine Arts (BFA) und ausschließlicher Gegnstand seiner Kunst ist das Messer, in all seinen Spielarten. Die Ausbildung, sagt er, hat ihm geholfen, »die Messerkunst auf eine neue Ebene zu heben«.
In der Messermacherszene hat John Jensen sich inzwischen etabliert, in Ausstellungen und in Magazinen ist er vertreten und demnächst in einem Stilbuch für Tischkultur, das die Creme der Kollegenschaft vorstellt. Hier wurde ihm auch großzügige kollegiale Hilfe zuteil, wofür er sehr dankbar ist, wie er auch gerne erwähnt, dass ihm Ralph Selvidio den Liner-Lock-Mechanismus fürs Klappmesser gezgeigt hat. Allerdings hat er schnell gemerkt, dass seine »künstlerische Seite nach mehr verlangt«.
Im Juni 2002 waren zwei seiner Messer in der Galerie von Colorado ausgestellt, was schon einer Auszeichnung gleichkommt. Nie hätte er jedoch gedacht, dass er so schnell zu den 40 renommierten Metallkünstlerngehören würde, die man alljährlich für das prestigeträchtige Magazin »Exhibition in Print« auserwählt. Dass es schon in diesem Jahr soweit ist, macht ihm Mut. Denn er will sich nicht nur - mit seiner Verlobten Kristina als Business and Communication-Expertin Hand in Hand - in der Kunstarena behaupten, sondern all jenen Menschen das Messer nahebringen, die noch nicht begriffen haben, dass es mehr als eine Waffe oder ein Küchengerät ist und ein Dolch mitunter sogar ein Liebesbeweis.
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